An die Waffen

Private Jäger und Förster ringen seit Jahrzehnten miteinander: Soll der Wald oder das Wild Priorität haben? Ökologen fordern höhere Abschussquoten. Mit einem Förster auf der Jagd

[Süddeutsche Zeitung, Januar 2021]


Ein Wintertag in der Niederlausitz, Brandenburg. Vor lauter Kiefern fällt nicht gleich auf, dass das kein Wald mehr ist. Dann bittet Andreas Pommer, in die Hocke zu gehen, nun reicht die Sicht Hunderte Meter weit: Bis auf braune Nadelstreu ist der Boden um die Stämme nackt. „Wie mit dem Rasenmäher drüber“, sagt der Förster. „Da kommt nichts nach.“

Ein paar zarte Bäumchen finden sich am Wegesrand, sie ragen bis zum Stiefelschaft, sind aber schon sechs, sieben Jahre alt, erkennbar am daumenstarken Stängel. Höher schaffen es die Triebe nicht: Rehe recken ihre Hälse und rupfen sie mit ihren Schneidezähnen ab. Der Wald von morgen landet im viergliedrigen Magen der Wiederkäuer. Untenrum kahl, das sei inzwischen die Normalität im deutschen Wald, sagt Pommer. Nach Zahlen des Agrarministeriums ist bundesweit jeder dritte Jungbaum verbissen.

Andreas Pommer, 53, arbeitet als Revierleiter im Landesforst Eibenstock im sächsischen Erzgebirge. Das Privatwäldchen in Brandenburg stammt aus der Familie seiner ersten Frau, seit der Scheidung hänge es ihm „an der Backe“. Er nutzt es als Experimentierfeld, hat Eberesche und Mehlbeere gepflanzt, anders also als auf den Nachbarflächen sprießt bei ihm junger Wald, aber erst, seit er vor zwei Jahren einen Zaun baute. Um sein Revier im Erzgebirge dagegen kann er keinen Zaun ziehen, es ist 1750 Hektar groß. Also schießt er dort alles, was er sieht, sagt er, im Jahr rund hundert Hirsche, Rehe, Sauen. Und er gerät mit dieser Haltung selbst unter Beschuss.

Viele denken bei Jagd an Filzhut und Altherrenhobby, dabei fällt ihr eine Schlüsselrolle für das Schicksal der Wälder zu. Der Klimawandel und seine Plagen – Dürre, Hitze, Käferbefall – bedroht ihren Bestand. Statt der anfälligen Fichtenmonokulturen sollen robuste Mischwälder wachsen, Bund und Länder pumpen 1,5 Milliarden Euro in klimagerechten Waldumbau. Doch Säen und Pflanzen genüge nicht, sagen Experten. Am stärksten präge das Jagdregime den künftigen Waldzustand. Der Jagdexperte Thorsten Beimgraben von der Hochschule Rottenburg urteilt über die Subventionen: „Ohne Maßnahmen zur Wildreduktion wird das das teuerste Fütterungsprogramm der Nachkriegszeit.“

Forscher wie er fordern seit Langem, mit den Wäldern auch die Rolle der Jagd radikal umzukrempeln: Sie soll nicht nur Passion sein, sondern eine Dienstleistung für die Ökologie. Dieses Jahr soll das reformierte Bundesjagdgesetz in Kraft treten, das Waldverjüngung als Kernziel formuliert und unter anderem einen Mindestabschuss im Forst vorsieht.

Ein Praktiker wie Andreas Pommer – im vergangenen Jahr wurde er von der Zeitschrift Forstpraxiszu einem der Förster des Jahres nominiert, ein Kollege nennt ihn „Lichtgestalt“ der ökologischen Jagd – findet die Reform „lasch“ und glaubt nicht an eine Wende. Er sagt: Der Wald lässt sich nur mit der Waffe retten. Doch hätten die wenigsten, die mit dem Gewehr losziehen, auch seine Rettung im Sinn.

Es dämmert über den Wipfeln von Eibenstock. Pommer schaltet den Motor seines Pick-ups ab, lässt ihn die Schottersenke hinab rollen, Dröhnen wäre verräterisch. Sein Gewehr lädt er im Auto, das Handy lässt er drin liegen, sachte drückt er die Fahrertür zu. Knallen soll es erst gleich.

Er stapft über Laub und knisternde Zweige, erklimmt die Leiter zum Hochsitz. An dem hängt ein Kasten für Fledermäuse. Vielleicht hält dieser die Tierschutzaktivisten davon ab, den Jagdstand anzusägen, hoffen die Forstleute. Aus der Kanzel blickt Pommer auf die von Sträuchern gerahmte Lichtung, den sprudelnden Riedertbach, die Fichten am Gegenhang. Ein Motiv wie auf den Kitschgemälden, fehlt bloß der Hirsch mit dampfendem Atem. Es taucht aber keiner auf. Als das Zielfernrohr seines Gewehrs nur noch Nacht zeigt, bläst Pommer die Jagd ab. Flauten sind eher Regel als Ausnahme. Bei etwa jedem fünften Ansitz kommt er zum Schuss.

Kein Wunder, würden die Kritiker rufen. Im Landesforst ist längst alles abgeknallt! Im Lokalblatt klagen Leser, man höre die Hirsche nicht mehr. Auch Pommer, der als Kind im Eibenstocker Wald Verstecken spielte, erinnert sich an die Wiesen am Ortsrand, im Mondlicht brüllten die Hirsche vor Lust.

Es war ein Naturschauspiel – das er nüchtern sieht. Der Forst war DDR-Staatsjagdgebiet, Wild wurde gepäppelt, damit es sich vermehrte, Prachtgeweihe bildete und jeder Parteibonze seine Trophäe schoss; im Wald nur Fichten und Verbiss. „Die Tiere fanden nichts zu fressen mehr, logisch, dass sie auf die Wiesen sind.“ Dank des besseren Waldzustands müssten sie nicht mehr raus – „und jetzt heißt es, es gibt keine mehr“. Zweiflern legte er Fotos seiner Wildtierkameras vor. Und die jährlichen Abschusszahlen, die zeigen, dass der Bestand nicht schwindet. „Ich hör dann: Das waren bestimmt die letzten Tiere. Dass wir im Folgejahr wieder welche schießen, zählt nicht.“

Stimmt ja: Pommer erschwert sich selbst das Jagen. Er hat dem Wild prima Verstecke geschaffen. Weil schon sein Vorgänger nach der Wende mit naturnaher Forstwirtschaft begann, muss Pommer nicht groß erzählen vom Wald der Zukunft, sondern er führt in ihn hinein. In die Würze der Fichten mischt sich schwerer, feuchter Geruch vom Laub, das zu Humus zerfällt und die Nährstoffkreisläufe stärkt. Wo Eichelhähern mal eine Buchecker oder Nuss aus dem Schnabel fiel, sprießen Rotbuche und Haselstrauch. „Und wir haben schon vor dreißig Jahren Tanne und Buche gepflanzt. Selbst wenn die Fichte abstirbt, hätten wir den neuen Wald schon darunter.“ Noch zwanzig Jahre, dann bilden die Tannen Zapfen und verjüngen sich selbst.

Wie ein Makler in der Edel-Immobilie zeigt Andreas Pommer stolz den Wald: Da sprießen Wildapfel und struppiger Holunder; in die Lücke, die eine gefällte Buche hinterließ, schießt ein Bergahorn. „Dort kommt eine Douglasie – die Post geht ab hier.“ Aus modrigem Holz drückt der Förster Wasser wie aus einem Schwamm. Die örtliche Talsperre, sagt Pommer, freue der Waldumbau, er verhindert Extremschübe bei Starkregen. Zudem steigt die Wasserqualität. Wälder sind außer Lebensraum und Holzfabrik auch Wasserfilter, Klimaanlage, Kohlendioxid-Speicher – sie sind damit Schutzschilde im Klimawandel.

Multifunktionaler Mischwald sei ohne die Jagd nicht zu haben, sagt Pommer. Ließe er das Wild gewähren, wüchse bald wieder nur Fichte. „Es geht lieber an die Tanne als an die Fichte. Wenn die Tanne immer wieder verbissen und die Fichte verschmäht wird, dann wächst irgendwann die Fichte drüber und die Konkurrenz ist geregelt.“ Also „überschwemmen“ sie den Wald mit Baumarten, sagt er, „dass das Wild nicht mehr hinterherkommt.“ Der Verbiss liege bei unter fünf Prozent. Tolerierbar seien fünfzehn.

Die großen Naturschutzverbände stehen längst auf Seiten der jagenden Förster, so fordern Bund und Nabu ebenfalls angepasste Wildbestände. Bleibt die Frage, wer das übernimmt.

Berufsjäger und jagende Förster gibt es nur wenige Tausend. Aber 397 000 Deutsche besitzen einen Jagdschein, 13 Prozent mehr als vor zehn Jahren. Ein ausreichend großes Heer für die Jagd im Dienst des Waldumbaus. Doch sehen sich weite Teile der Freizeitjäger weniger Klimazielen als ihrem Traum vom „Lebenshirsch“ verpflichtet. Förster zielen auf gebärfähige Weibchen, um den Bestand zu regulieren. Der private Jäger legt auf männliche Geweihträger an und lässt Hirschkühe, Ricken und Jungtiere laufen, damit Nachschub gesichert bleibt.

Für die „Sonntagsjäger“, schreibt der Forstwissenschaftler Wilhelm Bode in seinem Werk „Hirsche“, sei das Geweih ein „Fetisch“, Trophäenjägerei verhindere die gesellschaftliche Akzeptanz der Jagd. Die Menschen sehen jemanden, der kulleräugige Tiere tötet. Und differenzieren kaum beim Motiv.

Die meiste Kritik ernten Pommer und seine Kollegen im öffentlichen Sachsenforst aber nicht von tierlieben Bürgern, sondern von der privaten Jägerschaft. Der Clinch ist Dauerthema in der Lokalpresse. Die Jäger werfen den Förstern falsche Bejagung und viel zu hohe Abschusspläne vor, gar einen „Auslöschungsversuch“ des Wilds.

Dass Trophäenjagd das Waldbild prägt, liegt auch am Jagdsystem. Rund die Hälfte der deutschen Forstfläche gehört Privatleuten. Die allermeisten besitzen jeweils unter 75 Hektar und dürfen daher nicht selbst jagen, sondern müssen das Jagdrecht an einen Pächter vergeben.

Deshalb der Zaun um Pommers Niederlausitzer Wäldchen: Er darf dort nicht schießen. „Und der Jagdpächter hat mit Waldbau nichts am Hut“, sagt er. „Das Pachtsystem lebt davon: Wenn der Pächter am Wochenende in seinen Wald kommt, dann will der auch was sehen und schießen.“ Mischwälder wie seiner, mit vielen Verstecken und angepassten Beständen, seien für Jäger wenig attraktiv. „Aber das Jagderlebnis rechtfertigt nicht die extremen Schäden durch zu viel Wild.“

Experte Beimgraben sagt, die Politik müsse sich vom Einfluss der Jagdlobby lösen. „Die Jagdverbände sind extrem gut vernetzt, holen die politischen Entscheider in ihre Gremien.“ Wie auf dem Golfplatz laufe das im Wald: „Man trifft sich zur Jagd und handelt dabei Deals aus.“ Ins neue Gesetz hätten die Verbände „Bremsklötze“ reingehauen. Zum Beispiel gelten die erhöhten Abschussquoten nicht für Hirsche, und das Pachtsystem fällt weiterhin zu Ungunsten umbauwilliger Waldbesitzer aus.

Zu den entschiedenen Fürsprechern der Jäger zählt Hans-Dieter Pfannenstiel, emeritierter Zoologe. „Wald-vor-Wild-Fritzen“, so nennt er die Förster im Telefonat. „Denen geht es nicht um das Ökosystem Wald, sondern darum, möglichst viel Geld mit Bäumen zu verdienen.“ Er sagt, „es gibt Jäger, die gern mehr Wild halten, um es zu schießen. Aber das Gros ist es nicht.“ Die Wälder litten unter Trockenheit, „wenn ich alles totschieße, das ändert am Klimawandel nichts.“

In einem offenem Brief warnten er und zwei weitere Professoren vor dem „planlosen Zusammenschießen von Beständen“ in Folge der Jagdreform. Das „Jägerlein an der Front“ werde ohnehin weiter jagen wie bisher. Ordneten die Behörden dann Zwangsbejagungen an, wäre das „eine kalte Enteignung“, schimpft er. „Das gibt ein Hickhack vor Gericht!“

Zwang dürfte kaum zum Schulterschluss führen. Jäger seien eben „nicht der Erfüllungsgehilfe“ der Förster, sagte der Vizechef des sächsischen Jagdverbands dem MDR. Vielleicht hilft das neue Jagdgesetz, die Front aufzuweichen, es will das Wissen über Wildschäden und Waldumbau in der Jägerausbildung verankern. Und Forscher Beimgraben berichtet von einer jungen Generation, die aus anderen Motiven jage. „Sie will wissen, woher ihr Fleisch kommt und hat keine Lust auf diese Vereinsmeierei.“ Ohne Hobbyjäger gelingt die Waldwende nicht. Jagd bleibt Teamarbeit.

Um den Bestand zu drücken, müssten Förster ständig im Hochsitz hocken. Die Zeit fehlt, Waldmanager sind Multitasker. Also setzen sie auch auf Drückjagden, da treffen sich schon mal hundert Mann und es fallen bis zu zwanzig Prozent vom Jahresabschuss. In Pommers Revier gibt es in der Regel zwei pro Jagdsaison, durch die Corona-Verordnungen fielen sie bisher aus.

Dafür fährt Pommer Ende Dezember zu einem befreundeten Förster ins südliche Brandenburg – schießt du bei mir, schieß ich bei dir – wo kleine Gruppenjagden erlaubt bleiben. Zwanzig Schützen versammeln sich bei Sonnenaufgang vor dem Dorffriedhof von Lüdendorf. Darunter ein Betriebswirt, ein Kfz-Mechaniker und ein bärtiger Influencer mit dem Instagram-Namen „Ökojäger“, auf dessen Pick-up der Spruch klebt: „Brät das Reh in der Pfanne braun, wächst der Baum auch ohne Zaun.“ Pommer erscheint mit Stirnlampe über der Wollmütze, Hose und Jacke leuchten rot und neongelb, „du siehst ja aus wie aus dem Katalog“, spottet sein Försterfreund. Früher trugen Jäger Loden und Flecktarn, heute wirken sie wie Sanitäter.

Im Wald hecheln die Hunde und die Treiber in Warnwesten kämpfen sich in loser Linie durch Baumreihen, rufen „Hep! Hep! Hep!“ und „Raus, du Sau!“, um das Wild „hochzumachen“, also vor die Jagdstände zu treiben. Dann fällt ein Schuss. „Der dampft noch!“, sagt einer der Treiber, als sie den Hirsch erreichen. Der Schütze hat ihn bereits „gelüftet“, mit dem Messer die Bauchdecke durchtrennt und die Eingeweide rausgezogen, damit das Wildbret nicht verdirbt. Die Treiber schleifen das tote Tier Richtung Hänger, ziehen eine blutige Schneise durchs Laub.

Ein weiteres Tier wird nicht erlegt. Schnell macht der vermutete Grund die Runde, ein Schütze hat vom Stand einen Jungwolf erspäht: „Bis auf fünfzig Schritte war er ran!“ Während mancher Jäger den Wolf als Konkurrenten sieht, der ihm die Trophäen wegfrisst oder vertreibt, heißen viele Förster ihn als Helfer willkommen. Dass Beutegreifer die Jagd ersetzen könnten, glaubt Pommer aber nicht. „Bei uns lebt ein Luchs, sein Revier ist ungefähr so groß wie unser Forstbezirk, der frisst etwa 50 Rehe im Jahr. Ein Wolfsrudel etwas mehr. Wir schießen aber 1000. Es geht nur im Zusammenwirken.“

Falls Corona Drückjagden in seinem Wald weiter erschwert, stehen ihm bis zum Ende der Jagdsaison noch viele kalte Stunden im Ansitz bevor. Früher rafften Schneedecken und strenger Frost schwache Tiere dahin. Weil aber selbst im Erzgebirge die Winter nicht mehr sind, was sie mal waren, klappt die natürliche Selektion nicht mehr. Und Pommer muss auch diese Klimafolge mit der Büchse ausgleichen.