Parlament der Sorben

Eine Reportage über Menschen, die ihre Heimat nicht verlassen, sondern gestalten wollen.

[Chrismon, August 2019]

Ein Festsaal, sorbische Trikoloren und für die Abgeordneten unbedingt Ernennungsurkunden. Die erste Sitzung des Sejm plant Hanzo Wylem-Keł als Feierstunde. Er sagt: „Ein Parlament gründen, das machst du ja nicht jeden Tag.“

Das gab es noch nie, einen Serbski Sejm, ein Parlament der Sorben und Wenden. Seit 1400 Jahren lebt das slawische Volk in der Lausitz. Im November 2018 werden die Stimmen gezählt, steht fest, wer einzieht in den Sejm.

Mit Hanzo durch die grünen Tunnel, Brandenburgs berühmte Baumalleen, vorbei an Seen, einst Kohlelöcher, in Orte mit zwei Namen auf den Schildern, Proschim/Prožym, Werben/Wjerbńo. Wahlkampftour. Nicht die Konkurrenz will er ausstechen, er bewog sie ja selbst zur Kandidatur, zwei Eltern aus der Kita seiner Kinder, den Müller seines Mehls fürs Brot, auch Sandra, Hanzos Frau. Er jagt Stimmen vorrangig nicht für sich, sondern für den Sejm.

Das Wählerverzeichnis der selbsternannten „demokratisch legitimierten Volksvertretung aller Sorben und Wenden“ listet einen Monat vor der Wahl gerade einige Hundert Namen. Das Volk zweifelt. Dieses „Parlament“ sei nur ein Verein wie jeder andere, mit nicht mehr Rechten als die „Jugendclique vor der Cottbuser Stadthalle“, sagen jene, die den Aktivisten nichts zutrauen. Andere trauen ihnen vieles zu: Spaltung, Separatismus. Am Ende wollen die ihren eigenen Staat!

Von dem steht im Sejm-Flyer nichts. Er liest sich auch so ambitioniert. Eigene Verfassung, neuer Staatsvertrag mit Bund und Ländern, Stärken der Minderheitenrechte regional und in der Welt. Mit selbstbestimmten Schulinhalten, eigener Hochschule, Rund-um-die-Uhr-Rundfunk die sorbische Sprache und Kultur „zu neuer Blüte“ führen. Und, Punkt 7: „Nationale Wiedergeburt“.

Laute Worte. Sonst hallen eher Abgesänge aus dem Sorbenland. Weil die Zahl muttersprachlicher Schüler seit 1994 um fast die Hälfte schmolz, trotzdem Dutzende Lehrer fehlen. Mehr als 130 meist sorbische Dörfer verschwanden im Tagebau. Sorben? Da fallen dem Rest Deutschlands vielleicht noch hübsch verzierte Ostereier ein oder die gestärkten Hauben der Frauen, die in den Spreewaldkahn den Senfschnaps reichen. Bald läuft unsere Kultur unter Folklore, sagt mancher, als Touristenspaß.

Ein Oktoberabend. Hanzo, lang, schlank, 48, schleppt Beamer und Sejm-Aufsteller ins Gasthaus „Zur Linde“ in Zahsow, 300 Einwohner, das an den stillgelegten NVA-Flugplatz von Cottbus grenzt. Er hat einen Vortrag gebastelt: Über andere Regionalparlamente in Europa, gegründet je von einem „kleinen Haufen Verrückter“. Dank ihnen kehre die walisische Sprache zurück, bestimmten die Samen nun über Bodenschätze mit, bauten die Deutschbelgier mit 400-Millionen-Etat eigene Schulen und Arbeitsämter. Das wäre die Überleitung zu den Sejm-Zielen. Doch hockt er Schlag sieben allein zwischen Plasteolivenbaum und dem Aquarium für drei Goldfische. 15 Euro Raummiete zahlte er, verteilte 50 Einladungen im Ort. Vielleicht verspätet sich nur jemand. Er sagt: „Ich mache das auch für einen Gast.“

60.000 Sorben und Wenden soll es geben. Die Hochrechnung von 1990 zitieren Bücher und Berichte bis heute, trotz Geburtendefizits und Abwanderung. Auch Hanzo nennt die Zahl „dusselig“ – er setzt sie viel höher an. Bestimmt jeder zweite der 1,2 Millionen Lausitzer habe sorbische Wurzeln. In den Dörfern sieht er sie an den Briefkästen, all die „Nowaks“, „Wehlans“ und anderen Namen, „die im Deutschen keinen Sinn ergeben“. Dort hinein wirft er die Sejm-Faltblätter. Eins reichte er einem Paar über den Gartenzaun, sie lasen nur, Sorben … Wenden – und sagten: „Damit haben wir nichts zu tun.“ Dabei hießen sie „Kossack“, ein urslawischer Name, sagt Hanzo.

Dass Leute nicht wissen, woher sie kommen. Es ärgert, aber wundert ihn nicht. Generationen von Sorben schufteten für deutsche Lehnsherren, „man tat sie als dumme Bauern ab“. Statt sich weiter abwerten zu lassen, wechselten Nachkommen die Sprache. Und in die deutsche Mehrheit.

Ramponiert wie ihr Stolz zeigt sich ihre Scholle, die Lausitz. Nicht nur die Krater und nackten Staubgebirge der Tagebaue. Auch durchwucherte Fabrikgerippe, Gleisbetten ins Nichts, Relikte des Absturzes seit der Wende, 180.000 Lausitzer verloren ihre Arbeit. Die Abwandererprognose bis 2035: jüngst nach oben korrigiert.

Auf diesem Boden etwas zu neuer Blüte führen? Das kostet Vorstellungskraft. Und Geld.

Die Tankfüllungen nicht mitgezählt, verschlingt die Wahl rund 20.000 Euro, vor allem für Druck und Frankieren der Wahlunterlagen, der Sejm wird per Brief gewählt. Den Förderantrag lehnte die Stiftung für das Sorbische Volk ab, politische Arbeit unterstützt sie nicht. So sammeln sie Spenden und zahlen das Meiste selbst.

Ein kleiner Haufen Verrückter. 34 Frauen und Männer kandidieren für 24 Sitze im Sejm. Im Pfarrzentrum von Nebelschütz hatten sie sich Ende September vorgestellt.

Studentin Sophia entdeckte in zwei Amerikajahren das Thema Heimat für sich, ihr „Sorbischsein“.

Ein ehemaliger Sparkassenangestellter will die Lausitzer Wirtschaft ankurbeln, „zehntausend Holzhäuser könnten neue Arbeitsplätze schaffen“.

Der Rentner aus Weißkeißel: „Schade, dass durch immer größere Strukturen die dörfliche Kultur, der Zusammenhalt verloren geht. Das ist der Punkt, der mich antreibt.“

Heiko, für die Linke in Sachsens Landtag, bringt sein Handwerkszeug als Anwalt ein.

Edith, 80, Älteste im Kandidatenkreis, aus Rohne am Tagebaurand. Bei Böhmischem Wind hört sie das Rasseln der Bandanlagen. Ihr Moorbirkenwald, „wie im russischen Märchen“, fällt bald.

Der Müller lernt die Sprache nach Feierabend, der Vorgeneration riss der Faden. Er kämpft für den Brauch des Hahnenrupfens, über das die Bild titelt: Für diesen Unsinn müssen Tiere sterben.

Was meinen die Sorben, wenn sie von Heimat reden?

Zehn nach sieben öffnet sich in der Zahsower „Linde“ doch die Tür. Ein Mann und eine Frau, beide um die fünfzig. Vom Vortrag wissen sie nichts, sie sahen im Vorbeifahren Licht brennen, was selten vorkommt, seit die Wirtin offiziell in Rente ist. Hanzo wittert trotzdem zwei Wähler. „Sprechen Sie Wendisch?“, fragt er die Frau. Die Uroma, die konnte das noch, vor allem fluchen. Um den Sejm vorzustellen, sagt er, sei er hier. „Die Leute sind eben politikmüde“, sagt die Frau mit Blick auf die leeren Stühle. „Mit der Politik“, ruft die Wirtin, „ich hab das bis hier“. Sie schimpft sich in Rage; Merkel, die nur mit der EU und „ihren Ausländern“ beschäftigt sei, die Rentenkluft West und Ost, „vierzig Jahre haben wir gepuckelt wie die Blöden!“ Der Mann, Pils vor sich, nickt. „Du kannst dir die Köppe am Stammtisch heißreden“, sagt er, „es gibt doch keenen, der was ändert. Da wirst du mit deinem Parlament och nüschts erreichen.“ In Hanzos höflichen Widerspruch prescht die Wirtin: „Und wo sind die Kinder? Alle im Westen, studieren!“ Das wendische Zampern, bei dem die Jugend singend und scheppernd den Winter austreibt, „das machen wir Alten“. Manche mit „Schiebekarre“, Rollator. Ihren Zapust, die Fastnacht, feierten sie immer in der Linde, die Wirtin weiß nicht, ob sie sich das noch antut. „Mit den Gaststätten steht und fällt das Brauchtum“, sagt Hanzo. Letztes Mal brachten viele Schnaps mit, erwidert sie, „und Verdienst hab‘ ich keinen.“

Leergefegte Dörfer, Frust, Politikverdruss, nach einer Allensbach-Umfrage halten nur 42 Prozent der Ostdeutschen die Demokratie im Land für die beste Staatsform. In diese Stimmung platzen die Sejm-Leute. Sie finden: Die Zeit ist günstig. „Fremdbestimmung ist der Punkt, an dem Leute sich nicht mehr mitgenommen fühlen“, sagt Hanzo. „Ein Parlament gibt uns die Möglichkeit, unser Schicksal als Region selbst in die Hand zu nehmen.“

Sie wollen mit der Politik am Tisch sitzen, wenn es um regionale Wirtschaft, Agrarfragen, Umwelt und Bergbau geht. Wie es ein Kandidat ausdrückt: „Es soll kein Fleck Erde mehr weggebaggert werden ohne die Zustimmung des Sejms.“

Nicht nur Sprache und Kultur, gleich die ganze Lausitz retten? Klingt vermessen. Und zeitgemäß. Vielerorts wächst der Wunsch nach einer Politik, die Wirtschaft neu organisiert, Ökologie in den Fokus rückt, in der sich Bürger eingebunden fühlen statt abgehängt.

Beim Treffen in Nebelschütz diskutierten die Kandidaten in einem Workshop, wie sie im Sejm arbeiten wollen. Keine Fraktionen, kein Abstimmen unter Zwang, bloß nicht den Bundestag kopieren. Stattdessen „Systemisches Konsensieren“: Bedenkenträger nicht einfach überzeugen oder überstimmen, sondern sich ihren Ängsten annehmen.

Reibereien erwarten sie dennoch. Gerade mit deutschen Institutionen. Die Wissenschaftlichen Dienste des Bundestags konstatieren, „dass nach gegenwärtiger Rechtslage kein Recht der Sorben und Wenden auf die Schaffung einer eigenen demokratisch legitimierten Volksvertretung in Form einer öffentlich-rechtlichen Körperschaft bestehen dürfte“.

„Natürlich hat das bestehende System keinen Bock drauf, dass die Sorben mehr Kompetenzen haben, wo die so schön ausgestorben sind“, sagte ein Kandidat im Workshop, sie sprachen über móc, Macht: Wie gelangt man an sie, wie setzt man sie ein und richtet dabei möglichst wenig Schaden an. „Für mich hieß Macht in Verbindung mit dem Sorbischem immer nur Ohnmacht“, sagte ein anderer. „Abbaggern, Umsiedeln, Sprachverlust – bei allem haben wir zugesehen. Darum geht es mir beim Parlament: Ein Abschütteln der Ohnmacht.“

Im Wahlkampf pendelt Hanzo zwischen zwei Lausitzen. In der brandenburgischen Niederlausitz, wo die Familie in einem Weiler namens Wüstenhain lebt, nennt sich das Volk auch „Wenden“, zeigt sich die Landschaft flach, von Fließen und Teichen geprägt. Als Teil Preußens hatte die Kirche auf Deutsch zu predigen, der Zustrom deutscher Bergleute und Fabrikarbeiter drängte das Sorbische weiter zurück. Südlich, wo das Land Wellen wirft, in Sachsens Oberlausitz zwischen Kamenz und Bautzen, blieben Dörfer katholisch, die Messen sorbisch, lebt die Sprache an Gartenzaun und Abendbrottisch, kennt manches Kleinkind Deutsch nur von den Menschen im Fernseher.

Dort, in Crostwitz, trifft Hanzo in einem Vierseithof auf seine Mitstreiter – und viele weitere Gesichter. Bestimmt 60 Leute drängen in den Saal. Nicht, weil alle glühende Anhänger des Parlamentsprojekts wären. Sie erwarten einen Schlagabtausch. Dawid Statnik kommt, Chef der „Domowina“. Der Dachverband großer sorbischer Vereine betrachtet sich als legitime Sorbenvertretung, auch gegenüber der Politik, hat 7000 Mitglieder. Von so vielen Unterstützern träumen die Sejm-Leute. Die aber sagen: Ein Kulturverein kann kein Volk vertreten. In Interviews nennt die Domowina-Spitze Sejm-Ideen romantisch, populistisch, separatistisch.

Auf dem abgetanzten Fischgrätparkett rückten sie die Stühle zum Kreis, man sei ja eine Gemeinschaft, doch die Fronten sind klar. Eine Seite bilden Vertreter der etablierten Strukturen: Statnik, einer seiner Vorgänger und die sächsische Sorbenrats-Vorsitzende. Die andere die Sejm-Kandidaten. Auf ins Wortgefecht.

„Wenn sich fünfhundert Menschen in eure Wählerliste eintragen, seid ihr dann wirklich der Meinung, das sorbische Volk hat gewählt?“ – „Wir können mit unseren begrenzten Mitteln nicht jeden erreichen.“

„Wir wählen ein Parlament ohne Kompetenzen!“ – „In fast jedem Volk hat sich erst ein Gremium gebildet, das die Gesetze dann einforderte“, Schlüsselwort: Selbstermächtigung.

Der Crostwitzer Bürgermeister fragt, welche Befugnisse die Kommunen an den Sejm abtreten müssten. „Keine“, beruhigt ein Kandidat. Der ist selbst Bürgermeister, im Nachbardorf.

Bürger klinken sich ein. Ein älterer Herr: „Meine Enkel sprechen alle sorbisch. Viele Sejm-Kandidaten nur Deutsch.“ Ein Jüngerer stellt klar: „Ich bin neutral. Bei der Domowina kann ich nicht mitwählen, wenn ich nicht Mitglied bin. Beim Sejm ginge das.“ Ein weiterer Zuhörer: „Ich habe Angst, dass ich mit der Wahl die jetzigen Strukturen schädige.“

Bund, Sachsen und Brandenburg zahlen der anerkannten Minderheit 18,6 Millionen Euro im Jahr zur Kulturpflege. Die Summe bestimmen die Geldgeber. Die Stiftung für das Sorbische Volk verteilt das Geld an Vereine, Projekte, Theater. Den Stiftungsrat bilden mehrheitlich deutsche Delegierte. Die Sejm-Leute sagen: Unser Volk soll entscheiden, wofür es das Geld ausgibt, zur Höhe mitreden. Das rechtlich durchzufechten, schaffe kein Verein, nur ein starkes Parlament.

Hinter den Gardinen dämmert das Dorf, noch eine Frage: „Was, wenn alles schiefgeht?“ Ein Kandidat, ein Bauer, springt auf: „Dann haben wir es wenigstens versucht!“

Der Bauer heißt Ignac Wjesela, 24, hat rötliches Haar und die Hemdsärmel gekrempelt, lebt auf dem Nachbarhof. Den kaufte der Urgroßvater. An einem verregneten Morgen, Tage bis zur Wahl, stapft Ignac in schmatzendem Matsch zum Traktor. Zwei Hänger Mais, gestern gedroschen, müssen zum Milchwirt nach Schwarzkollm. Bei Tempo 50 erzählt Ignac, wie er den Betrieb von Null aufbaute, vom „Flächenkampf gegen die Konzerne“. Doch Familie und Freunde liehen Geld, Gemeinden verpachten ihm Äcker, unterstützen ihn, den Jungbauern von hier.

Er gibt zurück. Päppelt als Biolandwirt die von Monokultur ausgelaugten Böden auf, was ihren Wert steigert. Auch weiß jeder: Der Ignac mit seinem Traktor, der fährt dir mal eben ein paar Baumstämme von A nach B. Als Braška nach sorbischer Sitte lotst er in Frack und Zylinder Traugesellschaften den Hügel hinauf zur Kirche, führt Regie auch für den Rest des schönsten Tages. Zuvor lädt er alle Gäste mit einem Verslein ein. Die Besuche nutzte er gleich zur Wahlwerbung.

Im Sejm wolle er die Lebensmittelversorgung der Dörfer stärken, „da sehe ich uns junge Landwirte in der Pflicht“. Und verhindern, dass sich wiederholt, was 2003 bei ihm in Crostwitz geschah. Wegen Schülermangels schloss die Mittelschule, trotz langer Proteste und Briefe an den Papst. „Es kann nicht sein, dass ein Volk über die Schulen des andern bestimmt.“ Er fuhr Bus zur Ralbitzer Schule. Wo er sich mit Jungs prügelte, die aus Coolnessgründen lieber Deutsch sprachen, erzählt er. „Ich war schon immer Patriot.“

Vor hundert Jahren wurden Kinder geschlagen, weil sie Sorbisch sprachen. Von Lehrern. Für Eindeutschen winkte eine „Ostzulage“, es finden sich Strafarbeiten in Sütterlinschrift, „Ich darf in der Schule nicht Wendisch sprechen“. Die Nazis germanisierten Orts- und Flurnamen, verboten Vereine, deportierten Pfarrer. Die DDR förderte das Volk als Vorzeigeminderheit, strafte aber unbequeme Sorben, die etwa das Abbaggern der Dörfer anmahnten, mit Haft oder Berufsverbot.

Zu vererbten Narben kommt manch neue: gegnerische Fußballfans, die „SOR-BEN-PACK“ brüllen, übersprühte sorbische Ortsnamen, 14 sorbenfeindliche Angriffe zählte Sachsens Polizei seit 2015. Im Roman „Mit der Faust in die Welt schlagen“ schildert der Lausitzer Autor Lukas Rietzschel die Gewalt aus deutscher Sicht. „Da war auch viel sozialer Neid dabei, weil sie [die Sorben] in ihrer Gemeinschaft einen Halt haben und ihr Selbstbewusstsein verteidigen“, sagte er der Sächsischen Zeitung. „Man kam in ihre Partys nicht rein.“

Dann ist der 3. November. Tag der Stimmauszählung. Ein Unterstützer eilte im Morgengrauen nach Kamenz zur Zustellzentrale. Er wollte sich groß erklären, der Postmensch winkte ihn nur durch. So sackte er 42 Wahlbriefe ein, sie wären erst nach der 10-Uhr-Frist in Nebelschütz eingetrudelt. Stolz steckt er sie in den Schlitz der Wahlurne. Macht 908 Wähler. Weit weniger, als erhofft, zu viele, um jetzt aufzugeben.

Mit Kugelschreiber und Buttermesser öffnen Wahlhelfer die Briefe, großes Rascheln, Wahlbeobachter aus Polen und Südtirol schleichen um den Tisch. Stimmzettel mit durchkreuzter Kandidatenliste oder gekritzeltem „Das kann ich nicht wählen!“ landen im Ungültig-Karton. Wie jene Briefe, wo der Stimmzettel nicht im separaten Umschlag steckt, „die Anonymität ist nicht gewahrt“, erklärt der Wahlleiter. Bei einer Wählerin deckt sich die Adresse auf dem Wahlschein nicht mit der im Wählerverzeichnis, „sie studiert jetzt in Leipzig“, weiß eine Helferin, im nächsten Zweifelsfall unterscheidet sich der Name, wieder kann einer aufklären: „Mein Schwiegersohn. Der nahm hier die sorbische, dort die deutsche Schreibweise.“ Eine Frau schmunzelt. „So geht das bei den Sorben, wo jeder jeden kennt.“

Alle Augen auf den Wahlleiter. Er verliest das Ergebnis. Edith ist drin, kneift vor Freude die Augen zusammen, Forstbesitzer Christoph, dem als Kind die Mutter sagte: „Sei auch ein bisschen stolz auf das Wendische in dir“, rinnen Tränen. Und Hanzo, der die meisten Stimmen aller Niederlausitzer Kandidaten erhält: Blickt aus seiner Ecke nur kurz vorm Laptop auf. Er tippt schon die Pressemitteilung.

Fortan tagen sie jeden Monat. Feilen an ihrer Geschäftsordnung, bilden Ausschüsse, stimmen über Visitenkarten ab, klassisch oder klappbar. In den Zeitungen wird es stiller um sie. Schlagzeilen macht die Lausitz: Im Januar empfiehlt die Kohlekommission den Braunkohleausstieg bis 2038. Das Institut für Wirtschaftsforschung Halle schlägt Umzugsprämien vor, die Beschäftigten würden anderswo gebraucht. Im März rät das selbe Institut in der Studie „Vereintes Land“, das Fördern ländlicher Räume im Osten zu stoppen, besser in Großstädte zu investieren.

Sie mögen Romantiker sein, die Sejm-Abgeordneten. Weltfremd wirken sie nicht. Sie beobachten genau, wie Menschen in Städte und nach Individualität streben. Wie darüber auch das Band der Sorben, seit je besungen und beneidet, zerfällt. Hinter all ihren Forderungen und Vorhaben steckt, scheint es, die eine Sehnsucht. Nicht nach irgendeinem Gestern. Nach Gemeinschaft. Was sind Sprache, Kultur, lebendige Orte? Sie halten alles zusammen wie die Reifen das Fass.

Ihr Versuch, ihre Heimat lebenswert – sie sagen „enkeltauglich“ – zu gestalten, als Alternative zum Großstadtdasein, wirkt inspiriert von traditionellen Dorfstrukturen: Nah an der Natur und am Leben der Anderen, jeder bringt seine Talente ein, alle sprechen eine Sprache, entscheiden das, was sie alle betrifft, zusammen und vor Ort.

Dorf heißt aber auch: Junge drängt es raus. Nicht jeder will sein Leben der Aufgabe widmen, Bräuche und Berufe der Eltern fortzuführen. In der Domowina-Hauptversammlung im März klagten Jugendvereine über Nachwuchssorgen. Nicht Diskriminierung oder Kohlebagger, eine Generation, die wegzieht oder sich für Anderes interessiert, ist heute für das Sorbische die größte Gefahr. Vielleicht lässt sie sich eindämmen, mit neuen Jobs in der Region und Möglichkeiten zum Mitgestalten.

Was man Dörfern noch nachsagt: Die kapseln sich ein. Ein Vorwurf auch an nationale Minderheiten. Wie etliche Sorben haben Abgeordnete ausländische oder deutsche Partner, beim Registrieren der Wähler und Kandidaten galt: Sorbe ist der, der sich dazu bekennt. Hanzo hat hessische, thüringische, böhmische Ahnen – keine sorbischen. Im Ausweis steht „Hannes Wilhelm-Kell“, den Namen slawisierte er: Hanzo Wylem-Keł. Als Jungpraktikant bei wendischen Teichwirten und durch seine erste Frau, die Sorabistik studierte, rutschte er in die Kultur. Sie zogen aufs Dorf, da gab es riesige Hoftore, nie verschlossen, erzählt er. „Du schautest einfach rein und dir wurde ein Bierchen aufgemacht.“ So lernte er die Sprache, mit 25 Jahren. Identität, das ist heute auch eine Wahl.

Das Dorf Pretschen/Mrocna besann sich jüngst seiner slawischen Wurzeln, zählt nun zum Siedlungsgebiet. In der Hoffnung auf Hilfe beim Auflebenlassen schrieb Herr Thiele, lange Jahre Ortsvorsteher, an Hanzo. Der verlegte die April-Sejmsitzung her. Ihr folgt Herr Thiele mit Simultanübersetzer im Ohr, er lächelt, flüstert zum Reporter: „Notieren Sie: In Pretschen spricht man wieder Sorbisch. Zumindest für einen Tag.“ Ohne Gegenstimme beschließt die Gruppe ihren Antrag zum „sofortigen Ende des Braunkohlebergbaus“ und gerät bei der Frage ins Stocken, was mit diesem nun geschehen solle. Edith berichtet aus Mühlrose, wo sie Verzweifelte besucht, die trotz Umsiedlungsvertrags der Kohle nicht weichen wollen. Ein Pfarrer Branig bietet an, nach Muster seiner christlichen Schulen eine sorbische Privatschule aufzuziehen. Für den Start genügten ein bis zwei Lehrer, ein freies Gebäude und 20 Schüler, damit es sich rechne.

Eine erste Schulklasse. Trost für die Mühlroser. Ein beglückter Ex-Ortsvorsteher. Die großen Ziele, der Platz neben Ministern am Verhandlungstisch – sie sind vielleicht etwas für eine künftige Legislatur. Mag es mit der neuen Blüte dauern, etwas wächst in ihrem Austausch, Zuversicht. Wieder werden sie diskutieren bis tief in den Abend. Das Einzige, woran hier keiner mehr glaubt, ist ein pünktliches Sitzungsende.