Vima feiert nicht nur viele sportliche Erfolge, sondern auch zweimal im Jahr Geburtstag. Einmal im Frühjahr, da kam sie vor zwölf Jahren zur Welt. Und einmal im Sommer – an dem Tag, an dem ihr eine Organspende das Leben rettete
[GEOlino Extra, Dezember 2025]
– 1. Platz German Paralympic Media Award 2026 (Kategorie Print) –
– Nomininiert für den Publizistikpreis 2026 der Stiftung Gesundheit –
Noch 15 Minuten bis zum Start. Vima hat sich grade aufgewärmt und eilt ins Stadion. Sie zeigt dem Sicherheitsmann am Einlass ihren grünen Ausweis. Darauf steht: „Athletin“. Die Zwölfjährige nimmt in Dresden an einer Weltmeisterschaft teil. Der Weltmeisterschaft für Menschen, die mit Spenderorgan leben. Menschen wie Vima.
Im Radfahren und Tischtennis hat sie in ihrer Altersklasse schon Gold geholt. Nun wartet der 100-Meter-Lauf. Vima schlüpft in ihre Sprintschuhe und streift die Trainingsjacke ab. Unterm bauchfreien Trikot zeigt sich ihre Narbe von der OP – ein großes, umgedrehtes „T“, quer über den Bauch. „Ich bin stolz drauf“, sagt Vima.
Neben ihr steigen Mädchen aus England und Frankreich in die Startblöcke. Auf den Rängen werden Fahnen geschwenkt. Dann ruft der Stadionsprecher: „Auf die Plätze!“ Im Stadion wird es still. Gleich zählt jede Sekunde. Vima kennt sich aus mit Wettläufen gegen die Zeit. In ihrem wichtigsten ging es nicht um Medaillen. Sondern um ihr Leben.
Rückblick. Ein Sommersonntag vor zwei Jahren in Rostock, wo Vimas Familie lebt. Vima freut sich: Am nächsten Tag soll sie auf der Sportschule anfangen. Ihre Disziplin heißt Shorttrack, das sind schnelle Schlittschuhrennen auf dem Eis. Doch plötzlich fühlt sich Vima, die Sportskanone, unheimlich schlapp. Sie kommt schlicht nicht vom Sofa hoch. Dazu zeigen ihre Augen und Haut einen gelben Schimmer. Etwas stimmt nicht. Die Eltern fahren sie zur Notaufnahme im Krankenhaus.
Das Klinikteam nimmt Blut ab, macht Tests, will die Ursache finden: ein Virus, ein Fehler im Erbgut oder ein aus Versehen verspeister Giftpilz? Nach sechs Tagen wird immer wahrscheinlicher, dass Vimas Leber kaputt ist. Das Team entscheidet: Vima muss in eine Spezialklinik!
Am selben Tag wird sie nach Hannover verlegt – im Hubschrauber. Ihre Mutter darf mit. Im Flug blickt Vima von ihrer Liege auf Seen, Wälder und das Schweriner Schloss herab. Aufregend! Trotzdem schläft sie bald ein. Die Erschöpfung ist stärker. In Hannover verschlechtert sich ihr Zustand, Vima kommt auf die Intensivstation. Dort werden Menschen behandelt, die lebensbedrohlich erkrankt oder verletzt sind. Um Vimas Bett piepsen Monitore, viele Schläuche führen in ihren Körper. Über einige gelangen Medizin und Nährstoffe hinein. Eine weitere Maschine übernimmt das, was sonst die Leber tut – Giftstoffe aus dem Blut filtern. Vimas Leber schafft das nicht mehr. Deshalb fühlt sie sich ständig schläfrig und „beduselt“, wie eine Ärztin es nennt. Vima bekommt kaum noch mit, was um sie herum geschieht.
Auch diese Klinik kann nicht endgültig klären, warum Vimas Leber so plötzlich die Arbeit verweigert. Sicher ist nur: Das Organ ist so stark zerstört, dass keine Behandlung mehr hilft. Schließlich nimmt eine Ärztin Vimas Mutter beiseite und sagt: „Vima braucht eine Transplantation.“ Nur die Leber eines anderen Menschen kann ihr Leben retten. Zusammen und in möglichst schonenden Worten erklären sie es auch Vima. Als sie die Sorge im Blick ihrer Mutter sieht, bricht sie in Tränen aus. „Da habe ich gemerkt, wie ernst es ist“, erzählt Vima heute. „Ich habe bis dahin nicht gewusst, dass man Organe austauschen kann.“
Spenderorgane sind selten. Vima kommt auf die Hochdringlichkeitsliste: Tag und Nacht wird in Europa nach einer passenden Leber für sie gesucht. „Passend“ bedeutet: Unter anderem muss die Blutgruppe des Spenders oder der Spenderin mit der von Vima übereinstimmen. Außerdem darf das Organ weder zu groß noch zu klein sein.
Vier bange Tage vergehen, dann klingelt das Handy der Eltern: Eine Spenderleber ist gefunden! Es bedeutete: Irgendwo ist ein junger Mensch in einem Krankenhaus gestorben – und dessen Familie hat „Ja“ zur Organspende gesagt. „Ich bin total dankbar, dass sie in dem traurigen Moment an andere gedacht haben“, sagt Vima heute.
Sobald ein Organ bereitsteht, muss alles schnell gehen – denn es darf nur wenige Stunden ohne Blutversorgung bleiben. Als wäre die Nacht nicht schon dramatisch genug, zieht über Hannover ein heftiges Sommergewitter auf. Vimas Vater rennt in Flipflops von seiner Unterkunft durch den Regen zum Krankenhaus, um seiner Tochter vor der Narkose noch die Hand zu halten. Kurz darauf fallen ihr die Augen zu. Den Weg in den OP-Saal bekommt sie nicht mehr mit.
Die Chirurgen entfernen ihre kranke Leber. Dann setzen sie an die Stelle die Spenderleber. Mit größter Sorgfalt vernähen sie deren Arterien und Venen mit denen in Vimas Bauch. Auch der Gallengang, ein Kanal für die Verdauungssäfte der Leber, wird millimetergenau verbunden. „Eine Lebertransplantation ist ein chirurgisches Kunstwerk“, sagt die Ärztin Margarete Rathert, die Vima eng begleitet.
Dann fließt Vimas Blut durch die Leber – und das Organ beginnt sofort zu arbeiten. Schon eine Woche später wagt sich Vima aus dem Krankenbett: erst zwei wackelige Schritte, dann bis zur Tür, schließlich über den Flur. Sie lernt, dass sie künftig jeden Tag zehn Tabletten schlucken muss, damit ihre neue Leber funktioniert und ihr Immunsystem das fremde Organ nicht bekämpft.
Nach der OP darf sie für acht Monate nicht zur Schule. Jeder Schnupfen kann die Erholung gefährden. Also sitzt an Vimas Stelle ein kleiner Roboter im Klassenzimmer. Von zu Hause aus kann sie per Tablet dessen Kopf mit dem Kameraauge drehen, sich melden und in Pausen mit den anderen plaudern. So verpasst sie nichts.
Heute, zwei Jahre nach der OP, ist die Zeit des Zuhausehockens längst vorbei. Sie trainiert wieder Shorttrack, flitzt sechsmal die Woche übers Eis. Fragt man sie nach ihren Zielen, antwortet sie so schnell wie aus einer Startpistole: „Olympia!“
Auch im Dresdner Stadion knallt jetzt der Startschuss – für Vimas 100-Meter-Lauf. Sie hechtet los über die rote Bahn, die Arme schwingen. Schon rauscht Vima ins Ziel. Dort sagt sie außer Atem: „Ich glaube, ich bin Vierte.“ Doch dann stürmt ihre Teampartnerin Helena, die mit einem Spenderherz lebt, auf sie zu: „Du bist Zweite!“ Bei der Siegerehrung strahlt Vima mit ihrer Silbermedaille um die Wette.
In wenigen Wochen steht schon der nächste Jubelmoment an: Seit der Transplantation feiern Vima und ihre Familie den Tag der geglückten OP wie einen Geburtstag. Auf bunten Wimpeln im Wohnzimmer steht dann: „Alles Gute zum Leburtstag“. Mit einem „L“, wie Leber. Es gibt Gäste, Kuchen und Geschenke. Und mittendrin Vima, die weiß: Das größte Geschenk hat sie längst erhalten.