Punk is Dad

Wegeleben, Harzvorland: In den Neunzigern zog die Dorfjugend einen Punkschuppen hoch, er machte den Ort im Osten weltbekannt. Jetzt treten die Söhne das Erbe an. Ein Konzertbesuch bei der Gruppe Lärmerzoiger

[DIE ZEIT, Juli 2026]

Der blondierte Haarstreifen ist schon zum Iro aufgestellt, das Gulasch braucht noch ein bisschen. Vier Stunden vor dem Gig kocht Gitarrist Tristan, 24, für den Backstagebereich. Bassist Janosch, 19, poliert mit Glasreiniger die Tische, die von früheren Bieren klebrig sind. Die beiden sind Teil der Band Lärmerzoiger, zu der außerdem Sänger Vincent, 20, und Schlagzeuger Desmond, 18, gehören. Die Vornamen sollen genügen, so läuft das im Jugendclub von Wegeleben, einem 1.800-Einwohner-Ort, der mit Holperpflaster und verwaistem Fachwerk wie der unsanierte kleine Bruder der benachbarten Touri-Hochburg Wernigerode wirkt.

Die Bühne des Clubs haben Jugendliche gebaut, damals in den Neunzigern, als ein aus dem Ruder gelaufenes Festival die kleine Gemeinde in die Annalen ostdeutscher Punkgeschichte katapultierte, weshalb dort später große Bands aus New York, Paris oder Birmingham auftraten. Aber der Club war nie nur Konzertort, die Punk-Losung »No Future« auch hier nie wörtlich gemeint. Der Club war immer eine Bastion gegen alles Autoritäre – und ein Versprechen: dass hier doch noch etwas geht für die Jugend. Bleibt es dabei, auch in Zukunft?

An diesem Frühsommersamstag gehört die Bühne unter anderem dem »Nachwuchs aus fuck’n Wegeleben«. So kündigt Tristan seine Band auf dem Konzertplakat an. Zugleich hat er als Veranstalter zwei weitere Bands für den Abend engagiert. Er macht sich gerade ein Verschnaufbier auf, als zwei hinzugeladene Glatzköpfe eintreten. Einer trägt Springerstiefel, auf dem T-Shirt des anderen steht: »Frontline Skins«. Die zwei gehören zur Kombo Kommando.21 und sind für den Auftritt aus Bottrop im Ruhrgebiet angereist.

Sie hocken sich an die Bar. Der Kommando.21-Sänger berichtet von der jüngsten Konzerttour auf Sumatra und dann vom letzten Mal in Wegeleben, als man vor dem Gig noch eins zischen wollte und im ganzen Ort nur einen Laden fand. »Habt ihr den noch, den mit den ganzen verrückten Alten drin?« Er erinnert sich an Häkeldeckchen, »und diese Omma hinterm Tresen, wie alt war sie, 80 oder so?«. Er meint Moni, in Wahrheit zarte 72. Sie betreibt Wegelebens letzte Kneipe, das Café am Markt.

Moni ist die eine Konstante des Orts. Die andere ist der Jugendclub. Er entstand ab 1993 in einem baufälligen Restgebäude der Wegelebener Zuckerfabrik, deren Anlagen als Reparationsleistung in die Sowjetunion gegangen waren.

Zum Wesen der Subkultur gehört die Rebellion gegen die eigenen Alten. In Wegeleben hingegen gilt: Punk is Dad. Die Väter von drei der Jungs waren früher selbst oft im Jugendclub, gehörten teils sogar zu den Gründern. Aus diesem Erbe ging Lärmerzoiger hervor: Janosch hörte am Baggersee Abriss, die Band seines Vaters. Desmond saß ein paar Handtücher weiter und erkannte die Songs. Es war der Beginn ihrer Freundschaft – und ihrer Band. Später stießen Vincent, der den Club über seinen Vater kannte, und Tristan hinzu. »Wir wollen das fortführen, was unsere Väter hier aufgebaut haben«, sagt Janosch.

Kein leichter Job. Wegeleben liegt am Rand des Harzes, am Horizont ragt der Brocken auf. In der Region erleben die Rechtsextremen Zulauf. »Nach Halberstadt sind doch die ganzen Dortmunder Faschos gezogen?«, fragt einer der Bottroper. Halberstadt liegt zwölf Autominuten weg. Zudem naht die Landtagswahl. »Ich geh fest davon aus, dass wir hier bald eine blaue Regierung haben«, sagt Janosch. Tristan sorgt sich, »dass wir dann unsere Orte verlieren«. Viele Subkulturzentren und Jugendtreffs kämpfen ohnehin ums Überleben. Nun droht die AfD im Wahlprogramm, die »pervers-linke Agitation« zu beenden und Fördergelder zu streichen. Wegelebens Jugendclub wird zwar seit Jahrzehnten von der Stadt unterstützt. »Aber wer weiß, was wird, wenn nach den Wahlen alles blau verseucht ist«, sagt ein Altpunk aus der Gründergeneration.

Zwei Stunden vor Einlass. Vor dem Gelände, wo im Staub die Autos parken, lassen zwei Bremer am offenen Kofferraum den Frangelico kreisen, italienischen Haselnusslikör. Auch Tristan gönnt sich einen Schluck. »Den Frangelico haben wir hier etabliert, schuldig sind wir, das kann ruhig in deinem Artikel stehen«, sagt einer der Bremer. Sie seien das siebte oder achte Mal hier, weil’s »ziemlich urig und subkulturell« sei. Die Skinhead-Kultur werde hier »im Original« gelebt: weder von rechts noch von links vereinnahmt. »Ich bin politisch nicht einzuordnen und einfach antiautoritär«, sagt er, »und antibraun.«

Dorfpunkschuppen sind auf reisewilliges Szenepublikum angewiesen, um ihren Laden vollzukriegen, und konkurrieren dabei mit den Großstadtclubs. Laut Tristan tritt Wegeleben diesmal unter anderem gegen Punkkonzerte in Hamburg und Dresden an. Er hofft heute auf mindestens 60 Leute, um die 1.300 Euro Kosten reinzuspielen. Ziel ist immer die schwarze Null. Bei Miesen zahlt jeder der Lärmerzoiger was drauf.

Groß Kohle hat keiner der vier Freunde. Janosch lernt Elektroniker, Tristan Zimmerer, Vincent Heilerziehungspfleger, Desmond will Lehramt studieren. Bei ihren Proben fürs Konzert ließen sich deshalb neben Klischees wie dem Cola-Goldkrone-Mix, an dem Vincent zwischen den Gesangseinsätzen nippte, auch solche Dialoge erleben: »Dienstag nächste Probe?« – »Ich muss gucken, wegen Vorabi.«

Drei vor neun. Rauf jetzt! Lärmerzoiger startet mit dem Song Lärmerzoiger. Im Publikum: Hosenträger und gereckte Fäuste. Ein paar Songs später legen zwei Typen mit dem Pogen los. Wenn der eine präzise auf den anderen prallt, bleiben trotz Karachos beide auf den Beinen.

Zwischen zwei Songs greift Tristan zum Bier. Einer plärrt: »Ihr sollt spielen, nicht trinken!« – »Halt die Fresse!«, schnauzt Tristan zurück. Gefrotzel gehört zur Folklore, genau wie der Ruf eines älteren Typen in Jeanskutte: »Ausziehen!« Dabei hat Schlagzeuger Desmond sein Shirt längst abgestreift.

Dann lassen sich dem Grunzen des Sängers Vincent mit etwas Mühe folgende Zeilen entnehmen:

Jetzt ist’s wieder an der Zeit!

Ostpunks! Ostpunks!

Oi! Oi! Oi! Wir stehn bereit!

Auch die Bremer brüllen mit: »Ostpunks!«

Einige Ältere im Raum wissen noch, wie Wegeleben Ostpunk-Wallfahrtsort wurde. Darunter der »Ausziehen!«-Reinrufer von eben. Tristan hatte ihn vor dem Song gewürdigt: »Kacke, der einzig wahre Ostpunk!« Er heißt eigentlich Sven. Kacke ist sein Punkname. Alle nennen ihn so. Außer Janosch, der sagt »Papa«. Weil’s zutrifft.

Eine Woche vor dem Konzert hatten Sven und sein Kumpel André auf kippligen Plastikstühlen von den Clubanfängen erzählt. Zurück ins Jahr 1993. Der letzte Jugendtreff, von der FDJ geleitet, war längst dicht. Wegelebens Kids wollten runter von der Straße und klopften im Rathaus an. André: »Es waren die wilden Neunziger, und die Gemeinde hat keine Fragen gestellt, sondern gesagt: Hier, macht, wir bezahlen Strom und Wasser, und der Rest ist uns egal.« Vierzig Jugendliche seien sie gewesen, »wir waren ja geburtenstarke Jahrgänge«, kaum einer volljährig, als sie sich die Ruine auf dem Zuckerfabrikgelände vorknöpften. Sie mauerten die Bühne, dämmten das Dach, fliesten den Barbereich. Alles bis heute intakt.

Auf der Baustelle spielten erste Bands. Darunter Abriss, Svens Truppe, die noch immer existiert. In die Punkszene gerutscht war er in Wernigerode, wo er seine Lehre zum Fliesenleger machte, »weswegen meine Eltern heute noch bedauern, dass sie mich dort hingebracht haben«.

Bald darauf – die Gitter vor den Clubfenstern und die metallverstärkte Eingangstür zeugen davon – streiften Neonazis durch Wegeleben. André: »Die haben uns hier im Dorf gejagt, sind uns im Auto gefolgt, ritten mit Messern und Baseballschlägern ein. Manche von uns sind nur noch auf Schleichwegen in den Club gegangen.« Sie schlugen auch zurück. Und dann, sagt Sven, »haben wir deren Bude auseinandergenommen«. Sein Sohn Janosch sitzt daneben und sagt: »Ihr hattet es schwerer als wir.«

Wegeleben hielt damals stand. Denn sie waren viele. Und am meisten waren sie 1995. In dem Jahr verdiente sich der Ort seinen legendären Ruf in der Szene. Neben anderen richteten André und Sven auf einer Wegelebener Wiese das zweite »Ernte-Punk-Fest« aus. Sie hofften auf 1.000 Leute – es kamen 3.500. »Der Ansturm hat uns komplett überrollt«, sagt André. So riesig wie die struwwelhaarige Meute war ihr Hunger. Etliche enterten die örtliche NP-Kaufhalle. Sie surften auf dem Kassenband und trugen, ohne zu zahlen, ihre Beute zur Wiese. Dort stieg im Matsch ein Massenpogo. Als ein Polizeihubschrauber drüberkreiste, grüßten die Punks mit nackten Hintern. Schließlich beklagte eine Anwohnerin geklaute Hühner, es gab viele Anzeigen. Zur Buße trat das Orga-Team später zum Laubharken an.

Dass sich auch nach späteren Eskapaden die Wogen im Dorf stets glätteten, liegt vor allem an Bettina Wloch, inzwischen Mitte 60. Die Meisterin für Maschinen- und Anlageninstandhaltung, ab 1990 arbeitslos, kam über eine ABM zur Stelle als Jugendbetreuerin für Wegeleben und half den Punkern seither öfter aus der Patsche. Im Gespräch erinnert sie sich, wie Ende der Neunziger der damalige Bürgermeister über die bunte Truppe motzte. Sie habe ihm gesagt: »Sei froh, dass ihr sie habt. Wo es eine starke linke Szene gibt, zieht es keine Rechten hin.«

Heute drängt Rechtsaußen gezielt in ländliche Räume. Und wie reagiert das linke Lager? Es streitet und spaltet sich. Findet jedenfalls die Band. That scene is a set of rules … they cancel you out of every bar!, wütet Vincent jetzt im Song Kicked out ins Mikro. Darin verarbeitet die Band einige Auswärtsgigs. Als sie in einem Studierendenclub über Nachwuchs-Faschos in ihren Nachbarschaften sangen, störte sich jemand am Songtitel, Dorfspasti. Eine Dresdner Band beschwerte sich nach einem Gastauftritt in Wegeleben via Instagram über die »mackrigen Sexisten« in der Location, die weit davon entfernt sei, ein »Safe Space« zu sein. Andersherum gehen Lärmerzoiger alternative Zentren »auf’n Sack«, wo wegen Awareness weiße Schnürsenkel und beim Pogo nackte Oberkörper unerwünscht seien.

Beim Heimspiel darf ihre Hymne nicht fehlen: Café am Markt, Moni und ihrer Kneipe gewidmet. Bald erscheint das Debütalbum der Band, die erste gepresste CD wollen sie Moni überreichen. Das Cover zeigt ein Rübenfeld und die Betonwerkruine des Orts, dazu den Titel: New Wegeleben Action.

Nach insgesamt kaum einer halben Stunde endet auf der Bühne das Set. Sie hatten noch einen Song übrig, aber Tristan ist die Saite gerissen. Das Publikum zieht nach draußen, in die Abendsonne. Einer der Bremer muntert Janosch auf, der wegen ein paar Verspielern und Tristans gerissener Saite leicht bedröppelt wirkt. »War doch geil, ’ne Steigerung. Jetzt müsst ihr dranbleiben!«

In einem anderen Grüppchen bekommt André, der Jugendclub-Veteran, die Namen von Bands um die Ohren gehauen, die er unbedingt kennen und hören müsse. Doch er scheint nicht mehr recht auf dem Stand zu sein. »Hör off jetze«, winkt er ab. Beim Gespräch in der Vorwoche hatte er überlegen müssen, als die Frage fiel, warum sie damals dem Punk verfielen und keiner anderen Jugendkultur. Dann erwähnte er das Dorf Nienhagen, zwölf Kilometer nördlich. Auch dort wuchs ein berüchtigter Konzertort für weit angereiste Fans und Bands – aus der rechtsextremen Ecke. »Das ist fett die braune Zelle, und die hat dort die Jugend beeinflusst. Wäre das bei uns gewesen, kannst du nicht sagen, ob wir nicht auch so geworden wären. Wir waren mit 14 politisch nicht gefestigt.« Dass sie auf der anderen Seite landeten, nennt er: »Glück«.

Anders als sie zieht es die jetzige Ortsjugend nicht mehr automatisch in den Club. Manche orientieren sich anderweitig: Einer, mit dem Janosch früher viel abhing, stellte neulich ein Foto in eine Chatgruppe, auf dem er mit Flagge posiert, »Ruhm und Ehre dem deutschen Soldat«. Auf die Frage, ob die nächstjüngere Generation im Club auftauche, fällt Janosch nur ein 15-Jähriger ein.

Also hilft die alte Garde um seinen Vater mit, damit kein weiterer alternativer Anlaufpunkt von der Landkarte verschwindet. Drei der Altpunks organisieren im Club weiter Konzerte, der Rest füllt im Publikum die Reihen auf und kurbelt an der Bar den Absatz an. »Die werden noch mit Rollator herkommen«, hatte Bettina, die Jugendbetreuerin, über die Männer gesagt. Sie tickt kaum anders: 2027 geht sie in Rente. Weil ihre Stelle eingespart wird, will sie einige ihrer Aufgaben als Ehrenamt oder Minijob weiterführen.

Schlagzeuger Desmond zieht fürs Studium weg. Janosch hofft, dass die Band zusammenbleibt. Er selbst, seit dem siebten Lebensjahr bei der Freiwilligen Feuerwehr, würde später gern eine der Fachwerkruinen im Ort kaufen. Wer ihm dann beim Ausbau helfen soll, weiß er schon: Sein Vater ist Fliesenleger, Tristan Zimmermann, ein Bekannter baut mit Lehm. Janosch sagt: »Ich werd hierbleiben.«